Papst Pius XII: Der Papst während der NS Zeit - Europa im Krieg und ein Papst zwischen den Fronten

Europa hatte schon viele schwere Zeiten. Einige der dunkelsten Stunden erlebte es vor knapp 100 Jahren mit dem Nationalsozialismus. Papst Pius XII hatte es alles andere als leicht. Beschnitten in seinen Befugnissen, geschwächt durch Wissenschaft und Politik, galt es den rechten Weg zwischen Völkermord und Ideologietreue zu erkennen. Was war Papst Pius XII für ein Mensch? Seine Biografie soll zeigen, dass mehr hinter der Figur Pius XII steckte als ein Mann, der sich dem Willen rechtspopulistischer Ideologien beugte.

 

 

Papst Pius XII - Kurzbiografie von Eugenio Pacelli

  • 02.03.1876 Geburt in Rom
  • Eltern: Vater: Filippo Pacelli (1837–1916) war Rechtsanwalt für den Heiligen Stuhl und Mutter war Virginia Pacelli, geborene Grazioso (1844–1920)
  • 1883 – 1894 Besuch des staatliche Gymnasium Liceo Ennio Quirino Visconti in Rom
  • 1894 – 1899 Studium der Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana und am Capranica-Kolleg
  • 1901 Promotion zum Dr. theol. Pacelli
  • 03.10. 1903 Minutant (Sachbearbeiter) in der neu geschaffenen Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten
  • 1909 Professor an der Päpstlichen Diplomatenakademie in Rom
  • 1909 bis 1914 Professor für kanonisches Recht am Institut Sant’Apollinare
  • seit 1912 war Pacelli Konsultor für das Heilige Offizium
  • 1914 mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 übertrug Papst Benedikt XV. Pacelli die Leitung humanitärer Aufgaben des Vatikans
  • 20. April 1917 wird er zum Nuntius für die Apostolische Nuntiatur in München
  • 22. Juni 1920 wurde Pacelli zum Nuntius für die Weimarer Republik
  • 16. Dez. 1929 Ernennung zum Kardinal an der Titelkirche Santi Giovanni e Paolo
  • 7. Februar 1930 Berufung zum Kardinalstaatssekretär
  • 25. März 1930 Erzpriester und Vermögensverwalter des Petersdoms
  • 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, im dritten Wahlgang des Konklave zum Papst gewählt – Papst Pius XII
  • 9. Oktober 1958 Tod in Rom und Beisetzung in der Krypta des Petersdoms in Rom

In seinem „Testament“ schrieb er:
„Sei mir gnädig, o Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit. Die Vergegenwärtigung der Mängel und Fehler, die während eines so langen Pontifikates und in solch schwerer Zeit begangen wurden, hat mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt.“

Ausführliche Vita von Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli)

Kindheit und Familie von Papst Pius XII

Gedenk- und Sammlermünzen von Päpsten
Eugenio Pacelli wurde am 2. März 1876 in Rom geboren und zwei Tage darauf in der Pfarrkirche San Celso e Giuliano in Rom von seinem Onkel Don Giuseppe Pacelli getauft. Über mehrere Generationen hinweg war seine Familie bereits damals schon mit dem Vatikan verbunden. Großvater Marcantonio Pacelli war Mitgründer des Osservatore Romano und von 1850 bis 1870 Vize-Innenminister im Kirchenstaat und Vater Filippo Pacelli (1837–1916) war Rechtsanwalt für den Heiligen Stuhl während der ungeklärten „Römischen Frage“ und an der Kodifizierung des kanonischen Rechts beteiligt.

Die Mutter von Papst Pius XII hieß Virginia Pacelli. Sie war eine geborene Grazioso (1844–1920). Er war ihr zweiter Sohn nach Francesco Pacelli und hatte zwei jüngere Schwestern, Giuseppa Mengarini und Elisabetta Rossignani. Sein älterer Bruder Francesco (1872–1935) war als päpstlicher Diplomat maßgeblich an den Verhandlungen über die Lateranverträge beteiligt; 1939 wurde seine Familie auf Vorschlag Mussolinis in den erblichen italienischen Fürstenstand erhoben.

Schule und Ausbildung von Papst Pius XII

Eugenio Pacelli besuchte das staatliche Gymnasium Liceo Ennio Quirino Visconti in Rom, war dort stets Klassenbester und wurde daraufhin als Hochbegabter von Kardinal Vincenzo Vannutelli, einem Freund seines Vaters, gefördert. Zu seinen Vorlieben gehörten Reiten, Schwimmen und klassische Musik; er spielte die Violone. Nach dem Schulabschluss 1894 studierte er zuerst Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana und am Capranica-Kolleg, anschließend katholische Theologie am päpstlichen Institut Sant’Apollinare. Er war ein Jahr lang Gasthörer an der staatlichen Universität La Sapienza, unter anderem bei dem deutschen Althistoriker Karl Julius Beloch. Seit dem zweiten Semester durfte er wegen Gesundheitsproblemen bis zum Examen 1899 mit päpstlicher Sondererlaubnis zuhause wohnen.

Am 2. April 1899, einem Ostersonntag, wurde Francesco di Paola Cassetta, der Vertreter des Kardinalvikars von Rom und lateinischer Patriarch von Antiochien, Pacelli zum Priester geweiht. 1901 promovierte Pacelli zum Dr. theol. Noch im selben Jahr trat er auf Empfehlung Vannutellis in den Dienst des vatikanischen Kardinalstaatssekretärs Rafael Merry del Val. 1902 promovierte er zum Dr. iur. can. Damit hatte er sich für eine Karriere als Kirchendiplomat in seiner Familientradition entschieden. Am 3. Oktober 1903 wurde er Minutant (Sachbearbeiter) in der neu geschaffenen Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten unter Pietro Gasparri, mit dem er den 1917 approbierten Codex Iuris Canonici, das erste einheitliche gesamtkirchliche Gesetzbuch, ausarbeitete. 1908 lehnte Pacelli auf Wunsch des Papstes eine Berufung an die Katholische Universität von Amerika in Washington, D.C. ab. 1909 wurde er Professor an der Päpstlichen Diplomatenakademie in Rom. Von 1909 bis 1914 war er zudem Professor für kanonisches Recht am Institut Sant’Apollinare.
Karriere vor seiner Wahl zum Papst

Am 7. März 1911 wurde Eugenio Gasparris Untersekretär, am 1. Februar 1914 Sekretär als Nachfolger von Umberto Benigni. Ob er auch an dessen Geheimdienst Sodalitium Pianum beteiligt war, ist umstritten.  Seit 1912 war Pacelli Konsultor für das Heilige Offizium. Im Juni 1914 erreichte er ein Konkordat mit dem damaligen Königreich Serbien und erwarb sich damit den Ruf eines Spezialisten für solche Verträge.

Aus dem Kardinal wird ein Papst - das Konklave 1939

Viele Jahre beschäftigen sich nun schon einige Historiker mit der Frage, welche Stellung Papst Pius XII während der beiden Weltkriege eingenommen hat. Während seine Nachfolger und zahlreiche Vorgänger bereits heilig oder selig gesprochen wurden, ist  Pius XII. noch immer ein ganz normaler verstorbener Papst, weder selig, noch heilig. Papst Benedikt XVI., hat damals die wissenschaftlich erstellte Akte Pius XII. nicht unterschrieben. Seit 1984 untersucht Pater Gumpel das Leben und den Charakter von Pius XII. Seine Hoffnung ist es eine besondere Tugendhaftigkeit zu finden, die es Papst Pius XII möglich macht selig gesprochen zu werden. "Johannes Paul II. hat es persönlich befohlen", so die Aussage von Gumpel. Keine leichte Aufgabe. "Pio Dodicesimo", wie er auf Italienisch heißt, Papst von 1939 bis 1958, scheint sich 50 Jahre nach seinem Tod, zumindest in den Augen der Öffentlichkeit, einer klaren Einordnung in "heilig" oder "unheilig" zu entziehen.

Pius XII. hat Enzykliken geschrieben, die "Mystici Corporis" oder "Divino afflante Spiritu" heißen, er hat die leibliche Himmelfahrt Mariens als Dogma verkündet, seit ihm sind im Kardinalskollegium, welches die Päpste wählt, Männer aus allen Erdteilen versammelt; doch was die Öffentlichkeit am meisten mit Pius XII. verbindet, ist die seit den 60er-Jahren gestellte Frage, ob er seine Stimme lauter gegen den Nationalsozialismus und die Ermordung der europäischen Juden hätte erheben müssen. Er selbst schrieb in sein Testament: "Sei mir gnädig, oh Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit. Die Mängel und Fehler, die während eines so langen Pontifikates und in solch schwerer Zeit begangen wurden, haben mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt." Hatte Papst Pius XII. vor seinem Tod ein schlechtes Gewissen?

Pius XII. rettete hunderttausenden Juden das Leben

Zahlreiche Studien drehen sich um das Wirken von Papst Pius XII. War er ein Nazi? Ein Begünstiger nationalsozialistischer Ideologien? Nur wenige haben so lange und intensiv dieses Thema eruiert, wie Pater Gumpel. In seinen Ausführungen wird deutlich, dass man Papst Pius XII nicht so einfach in eine Nische schieben kann. Seine Recherchen ergaben, dass er in den NS-Jahren den stillen Kampf gegen das Regime führte. Papst Pius XII war ein Mann voll Demut und Bescheidenheit. Er war Jurist, Diplomat, Theologe und wirkte nach außen asketisch und streng.
"Er wollte weder Kardinal noch Staatssekretär werden, er wollte ein Bistum leiten und pastoral tätig sein. Das entspricht eigentlich dem, was jeder Priester in seinem Herzen fühlen muss.", so Gumpel in seiner Arbeit.

Vor allem aber ist Pater Gumpel sicher, dass Pius XII. im Zweiten Weltkrieg getan habe, was er tun konnte: "Pius XII. hat hunderttausenden Juden das Leben gerettet. Was er in Rom und Italien und darüber hinaus in allen von den Nazis besetzten Gebieten für die verfolgten Juden getan hat, ist eine hohe Leistung."

Papst Pius XII – einsam und still im Kampf gegen den NS

Viele Möglichkeiten hatte Papst Pius XII nicht, um sich gegen das NS-Regime zu wehren. Zahlreiche Kritiker mahnen die stille Vorgehensweise des Pontifex noch heute schwer an. Durch den stillen Einsatz konnte keine Vorbildwirkung aufkommen und keine Rückendeckung aufgebaut werden.

Für die Juden von Rom wurde Pius XII. durch stille Hilfe zum Helden. Im Oktober 1943 forderte die deutsche Besatzung 50 Kilogramm Gold von der jüdischen Gemeinde in Rom innerhalb von 24 Stunden, 35 Kilo brachte sie auf, dann wandte man sich an den Vatikan, man versprach Gold und Dollar. Es half nichts. Bei einer Razzia vom 15. auf den 16. Oktober wurden im jüdischen Ghetto rund 1200 Juden verhaftet. Daraufhin wies Pius alle Kirchen und Klöster an, Juden aufzunehmen. Auch Castel Gandolfo. Im Schlafzimmer des Papstes, so heißt es, seien damals mehrere jüdische Kinder auf die Welt gekommen.

In der Via della Luce im Viertel Trastevere verhaftete deutsches Militär auch die Onkel und Tanten von Michele Sonnino. Er ist heute 56 Jahre alt und bäckt koschere Pizza, 100 Gramm für einen Euro. Hätte Pius XII. auch sie retten müssen? " Wie könnte man das heute sagen", sagt Michele, "damals waren die Umstände eben ganz andere."

Als Pius XII. 1958 starb, schrieb die israelische Außenministerin und spätere Premierministerin Golda Meier: "Wir trauern. Wir haben einen Diener des Friedens verloren. Die Stimme des Papstes war während der Nazizeit klar, und sie verteidigte die Opfer." Auch zeitgenössische Zeitungskommentare erwecken den Eindruck, als habe die ganze Welt damals dasselbe gefordert, wie zuletzt bei Johannes Paul II.: "Santo subito!" – "Sofort heilig sprechen!"

 

Die Jahre nach dem Krieg - Tod von Papst Pius XII

Pius XII. hat seine Amtsführung im Vatikan in den Nachkriegsjahren so sehr auf seine Person zugeschnitten, dass er für die Zeitgenossen zum Inbegriff des Papsttums überhaupt wurde. Seit 1944 hat er keinen Kardinalstaatssekretär mehr ernannt, sondern dieses Amt in Personalunion ausgeführt. 1952 ernannte er in seinem zweiten und letzten Konsistorium stattdessen zwei Pro-Staatssekretäre. Domenico Tardini amtierte bis 1958 und neben ihm von 1952 bis 1954 Giovanni Battista Montini (der spätere Papst Paul VI.). Im Laufe der 1950er Jahre ließ die Schaffenskraft des alternden Papstes nach. Papst Pius XII. starb nach über vier Jahren zunehmender Gesundheitsstörungen, die es der Kurie erschwerten, die Kirchenregierung noch zu gewährleisten, am 9. Oktober 1958 im Alter von 82 Jahren in Castel Gandolfo an den Folgen eines erneuten Schlaganfalls. Sein Tod war noch mehr als der seines Vorgängers von weltweiter Würdigung und Anteilnahme begleitet.